Es ist morgens kurz vor acht, als der knapp 30 Zentimeter große Avatar seinen Weg vom Sekretariat ins Klassenzimmer findet. Abwechselnd holt ihn eines der Kinder der Klasse 7c am Vitzthum-Gymnasium ab und bringt ihn an seinen Platz in der zweiten Reihe. Dort, wo bis vor Kurzem noch ihr Mitschüler Carsten
Jedes Jahr erhalten in Deutschland rund 2.350 Kinder und Jugendliche die Diagnose Krebs. Allein am Kinderonkologischen Zentrum des Universitätsklinikums Dresden werden jährlich etwa 100 junge Patientinnen und Patienten mit einer neuen Krebs- oder schweren Bluterkrankung behandelt. Für viele von ihnen bedeutet die Therapie monatelange Abwesenheit von der Schule. Genau hier kommt der AV1, der ferngesteuerte Schul-Avatar zum Einsatz. Der Roboter nimmt den Platz des erkrankten Kindes im Klassenzimmer ein und leiht ihm über Kamera, Lautsprecher und Mikrofon Augen, Ohren und Stimme.
Carstens Mitschülerin Dorothea erzählt: „Am Anfang war es schon erstmal eine besondere Situation, aber wir haben uns so schnell an den Avatar gewöhnt, dass er in kurzer Zeit zur Normalität wurde.“ Der AV1 kommuniziert via Livestream, weshalb eine leistungsstarke Internet-Verbindung eine wichtige Grundvoraussetzung für seinen Einsatz ist.
Über eine App gesteuert, können die Kinder mit seiner Hilfe ihre Klasse und die Lehrkräfte sehen, dem Unterricht zuhören und selbst aktiv teilnehmen, sofern sie sich in der Lage dazu fühlen. Auch das lässt sich am AV1 ablesen: Leuchtet der Roboter blau, ist Carsten zwar dabei, aber für eine eigene Beteiligung gerade nicht kräftig genug. Für ein Schmunzeln sorgt dabei immer wieder die Mimik des Avatars: Verzieht er fragend das Gesicht, weiß die Klasse sofort, dass auf der anderen Seite noch eine Erklärung nötig ist.
„Dieser Moment, wenn der Kopf hochfährt und das Kind plötzlich wieder in der Klasse ist, das ist mein liebster Moment“, beschreibt Phylicia Seidel vom Sonnenstrahl e. V. Dresden den Zeitpunkt, an dem der Avatar zum ersten Mal in die Klasse kommt. Als psychosoziale Mitarbeiterin unterstützt sie nicht nur die jungen Patientinnen und Patienten, sondern steht auch dem sozialen Umfeld zur Seite. Sie erläutert: „Die Avatare schaffen Verbindung in einer Lebensphase, in der soziale Isolation besonders belastend sein kann. Die digitale Technologie bedeutet deshalb so viel mehr als nur Lernen. Sie ermöglicht echte Teilhabe.“
Und es funktioniert: Carsten bleibt für die Klasse präsent. Zu Weihnachten befüllen seine Klassenkameradinnen und -kameraden einen Adventskalender für ihn und stellen Videos zusammen. Der Roboter bekommt eine Weihnachtsmannmütze auf den Kopf. „Der Avatar war den ganzen Tag über dabei, auch in den Pausen. Dadurch haben wir den Anschluss nicht verloren“, erzählt Dorothea.
„Wir haben den Anschluss nicht verloren“
Dorothea, Mitschülerin von Carsten
Dass Projekte wie dieses überhaupt möglich werden, ist dem Dresdner Verein Sonnenstrahl e. V. zu verdanken. Seit 1990 unterstützt der gemeinnützige Förderkreis krebskranke Kinder, Jugendliche und ihre Familien in enger Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Dresden. Neben dem Schulavatar-Projekt gehören unter anderem Kunst-, Musik- und Sporttherapie, Angebote für Geschwisterkinder, Familienberatung, Reittherapie, Aktivcamps und ein kliniknahes Elternhaus zum Angebot. Der Verein begleitet viele Familien weit über die eigentliche Behandlung hinaus und bietet auch in der Nachsorge wichtige Unterstützung.
Mit dem neuen Haus Sonnenstrahl hat der Verein einen Ort geschaffen, an dem Beratung, Begegnung und Unterstützung unter einem Dach stattfinden. Damit die vielfältigen Angebote zuverlässig funktionieren, braucht es auch die passende technische Infrastruktur. Eine stabile Glasfaseranbindung ist dabei unverzichtbar. Sie ermöglicht digitale Kommunikation, sichert Arbeitsabläufe und schafft die Voraussetzung dafür, dass auch Projekte wie die Schul-Avatare zuverlässig funktionieren. Nicht ohne Grund spricht der Geschäftsführer des Sonnenstrahl e. V. von der „Blutbahn des Hauses“.
Nachdem Carsten in die Klasse zurückgekehrt ist, endet auch der Einsatz des AV1. Sein Platz in der zweiten Reihe wird wieder frei für denjenigen, den er über Monate vertreten hat. Lange bleibt der Avatar jedoch selten ungenutzt. Phylicia Seidel: „Meist wartet schon das nächste Kind darauf, den Avatar begrüßen zu dürfen. Wir sind sehr froh darüber, dass dieser kleine Roboter eine Lebensphase von so vielen jungen Betroffenen erleichtern kann.“
Der Verein verfügt aktuell über 14 Geräte, gern dürfen es noch ein oder zwei mehr werden. Wenn Sie das Projekt unterstützen möchten:
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