Verbunden mit dem Wunsch, nichts dem Zufall zu überlassen, arbeiten Forschende, Medizinerinnen und Mediziner sowie Energieversorgende Hand in Hand – angetrieben von dem gemeinsamen großen Wunsch, schwer erkrankten Menschen zu helfen.
Ich weiß seit längerem, dass ein Freund von mir Krebs hat. Neu ist nicht die Krankheit, neu ist nur die Art, wie mein Freund darüber spricht. An diesem Nachmittag sitzen wir uns in einem Café gegenüber, der Tee ist schon eine Weile da und lauwarm geworden, ohne dass es uns auffällt. Mein Freund bittet mich, ihn heute zum Haus Nr. 7 der Uniklinik in Dresden zu begleiten, denn dort erhofft er sich einen kleinen Silberstreif. Er berichtet außerdem von drei Arztterminen, die er bereits hatte – zunächst bei seinem Onkologen, der ihm mitteilte, dass die zur Verfügung stehenden Therapieformen ausgeschöpft sind. Sein Chirurg musste ihm sagen, dass er nicht mehr operiert werden kann und sein Strahlentherapeut hat jede in Frage kommende Art von Therapie erfolglos ausprobiert. Mit wie viel Hoffnung dürfen wir uns also in die Ambulanz der Nuklearmedizin begeben, die in Haus Nr. 7 beheimatet ist? Was ist an diesem Ort noch möglich?
„Der geringere Teil, etwa zehn bis 15 Prozent unserer Patientinnen und Patienten, ist austherapiert
Radioaktiv markierte Substanzen erfüllen zwei wichtige Aufgaben, so Bundschuh. Sie ermöglichen zum einen die Diagnostik, indem sie Tumoren und Metastasen im Körper sichtbar machen und molekular charakterisieren. Zum anderen können speziell auf den jeweiligen Tumor ausgerichtete Substanzen Strahlung abgeben, um krankes Gewebe zielgenau zu zerstören.
„Diagnostik und Therapie wachsen in der Nuklearmedizin zusammen“
Professor Ralph Alexander Bundschuh, Direktor der Nuklearmedizin am Universitätsklinikum
Er erklärt mir, dass das Zyklotron, wie der Kreisbeschleuniger auch genannt wird, genau die Bestandteile entstehen lässt, die es für die Forschung in Zusammenhang mit seltenen Krebserkrankungen braucht. „Wir erzeugen Radionuklide“, sagt er. Stoffe, die es so in der Natur nicht oder nicht in ausreichender Menge gibt. Diese Stoffe seien die Voraussetzung für alles Weitere, was in der Radiopharmazie noch folgt. „Ohne sie gibt es keinen Tracer
Die Radionuklide müssen aufgrund ihrer mitunter sehr kurzen Halbwertszeit innerhalb weniger Stunden in radioaktive Arzneimittel, sogenannte Radiopharmaka, umgewandelt und an Kliniken und Forschungseinrichtungen geliefert werden. Bis zu 20 Dosen entstehen auf diese Art, meistens dreimal am Tag. Ob eine dieser Dosen meinen Freund in Haus Nr. 7 erreichen wird?
Kreller erklärt, dass man zum Beispiel nicht Kupfer nimmt, wenn man ein Radionuklid herstellen will, das die Eigenschaften von Kupfer hat, weil man auf diese Art den Ausgangsstoff schlecht von dem erzeugten Isotop trennen kann. „Nickel-64 ist ideal zur Herstellung von Kupfer-64“, so Kreller. Dieser Anwendungsfall leuchtet mir ein. Im weiteren Gespräch verstehe ich nicht jedes Detail – aber ich verstehe das Prinzip: Hier beginnt der Weg eines Stoffes, der später im Körper eines Menschen wirken wird.
Aber woher weiß der Physiker, welche Radionuklide benötigt werden? Warum eignet sich zum Beispiel Kupfer-64 aufgrund seiner Freisetzung von Positronen hervorragend zur Diagnostik und „sein Bruder“, Kupfer-67, mit seiner Betastrahlung, die Tumore gezielt bekämpft, ideal für die Therapie?
Um das herauszubekommen, treffe ich mich ein Gebäude weiter mit dem Biochemiker Professor Jens Pietzsch. Sein Fachgebiet sind die Moleküle. Er erklärt mir, wie man ein Radionuklid so „verpackt“, dass es im Körper das Richtige tut. „Radiochemie ist Übersetzungsarbeit“, sagt er. Übersetzung zwischen Physik, Chemie und Biologie. Zwischen dem, was man herstellen kann, und dem, was der Körper akzeptiert.
Pietzsch erklärt mir, dass Tracer nicht zufällig irgendwo andocken. Sie folgen biologischen Regeln. Bestimmte Krebszellen haben bestimmte Eigenschaften. Diese Unterschiede nutzt man aus. Ein Tracer bindet dort, wo diese Eigenschaften vorhanden sind. Und nur dort. „Wir machen nichts sichtbar, was nicht da ist“, sagt Pietzsch. „Wir verstärken nur ein Signal.“ Dann kommt er auf die PET-Bildgebung zu sprechen, die an kleinen Versuchstieren zum Einsatz kommt. Die Positronen-Emissions-Tomographie, für die PET die Kurzform ist, sei kein Foto, sondern eine Messung. Man sehe keine Organe, sondern Aktivität – Stoffwechsel in Bewegung. „Das Bild entsteht aus der Umwandlung der Radionuklide“, sagt Pietzsch. Aus Kollisionen, aus Messpunkten, aus Rechenleistung. Für mich klingt das abstrakt – bis mir klar wird, dass diese Bilder später die Grundlage für therapeutische Entscheidungen sind.
Ich denke an meinen Freund und hoffe, dass es bereits ein Radiopharmakon gibt, welches an seinen Krebszellen andocken und idealerweise für die Theranostik – wie die Mischung aus Diagnostik und Therapie populärwissenschaftlich genannt wird – eingesetzt werden kann. Ich weiß, wie sehr er sich wünscht, dass jemand „genau hinsehen“ kann, um nicht nur möglichst schnell, sondern möglichst genau handeln zu können.
Prof. Pietzsch fährt fort, mir seinen Teil der Forschung zu erklären, als wir in einen Raum mit einem „Mini-PET“ für Mäuse und Ratten kommen. Mir wird deutlich, warum diese Forschung notwendig ist. Bevor ein Tracer oder eine therapeutische Substanz am Menschen eingesetzt wird, muss verstanden werden, wie sie sich im Körper verhält. Wo sie hingeht. Wie schnell sie abgebaut wird. Welche Wirkung sie entfaltet – und welche nicht. Auch hier läuft nichts zufällig ab, sondern die Prozesse finden geregelt, dokumentiert und von unabhängigen Instanzen geprüft und kontrolliert statt.
Ich erkenne eine weitere Ebene von Verantwortung. Forschung bedeutet hier nicht Machbarkeit um jeden Preis, sondern schrittweises Annähern. Verstehen, bevor man handelt. Grenzen akzeptieren, bevor man diese überschreitet.
Ein dickes Aber macht sich in meinem Kopf breit: Was genau passiert, wenn während der Herstellung des perfekten Radionuklids für meinen Freund plötzlich der Strom ausfällt? Oder wenn die einzuhaltende Temperatur im Sommer in einem der Labore über den höchsten erlaubten Wert steigt? Thomas Dillmann erklärt mir das ohne Umwege. Er ist Betriebsführer am HZDR und arbeitet für SachsenEnergie. „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass hier niemand über Energie nachdenken muss“, sagt er, „Strom-, Wärme- und Kältenetze müssen verfügbar sein, jederzeit.“ Forschung kenne keine Öffnungszeiten.
Teilchenbeschleuniger, die laufen müssen. Kühlung, die konstant bleiben muss. Technik, die keine Unterbrechung duldet, weil Zeit hier nicht dehnbar ist. „Wenn ein Radionuklid hergestellt wird, dann läuft die Uhr“, sagt Dillmann. „Da gibt es keinen Spielraum.“ Was mich überrascht: wie früh Energie hier mitgedacht wird. Nicht erst am Ende einer Kette, sondern von Anfang an.
Dillmann spricht von Redundanzen, von Absicherung, von Planung in Szenarien. Nicht, weil man Schlimmes erwarte, sondern weil Stillstand keine Option sei. „Forschung beruht auf Verlässlichkeit“, sagt er. Ich frage ihn, wie sichtbar seine Arbeit eigentlich ist. Er lächelt kurz. „Im Idealfall gar nicht.“ Energie, sagt Dillmann, sei dann gut gemacht, wenn niemand über sie spreche. Wenn Prozesse laufen. Wenn sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf ihre Arbeit konzentrieren können, ohne sich Gedanken über Rahmenbedingungen machen zu müssen. „Wir sorgen dafür, dass Tempo möglich ist – und Ruhe“, verabschiedet sich Dillmann von mir.
Das wissenschaftliche Feld, mit dem sich das HZDR befasst, ist riesig. Neben Material- und Werkstoffforschung für die Energiewende sowie Fusions- und Plasmaphysik wird auch an Materie und Quantentechnologien geforscht. Um die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit, die am HZDR in Sachen Radiopharmazie stattfindet, vollständig zu verstehen, treffe ich zum Abschluss den Direktor des Instituts für Radiopharmazeutische Krebsforschung.
Professor Klaus Kopka ist überzeugt von den Chancen der Radiopharmazie. „Wir erleben eine Renaissance der Nuklearmedizin“, sagt er. „Vor über 10 Jahren drohte beinahe der Stillstand dieses Feldes, da die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr in unsere dynamische Zeit passten. Vorbehalte gegenüber allem, was in Verbindung mit „Nuklear“ stand, waren darüber hinaus auch nicht hilfreich.“ Kopka beschreibt, wie Startups und große Pharmakonzerne inzwischen um neue Therapien wetteifern. „Sie erkennen den Wert der Radioligandentherapie. Sie bietet etwas, das viele andere Verfahren nicht leisten können. Präzision bei gleichzeitig geringer Belastung für die Patientinnen und Patienten.“ Er zeigt eine Aufnahme, auf der ein Tumor wie ein leuchtender Stern im Körper sichtbar wird. „Wir sehen hier, wie gut unsere Substanz bindet.“ Der Satz klingt unscheinbar, aber es steckt ein Versprechen dahinter – das Versprechen, eine Erkrankung genau dort zu erkennen, wo sie sitzt und ihr etwas entgegenzusetzen. „Was mich antreibt“, sagt Kopka, „ist der Gedanke, dass aus einem Abbild der Erkrankung eine Handlung werden kann. Dass ein Arzt weiß, wo er genauer hinschauen muss.“
Ich denke wieder an meinen Freund und ein Hoffnungsschimmer keimt in mir auf. Ich frage Prof. Kopka, ob an seinem Institut „Heilung“ – für sonst unheilbar kranke Menschen – ein Ziel darstellt. „Heilung ist ein sehr großes Wort, welches wir nur selten verwenden. Es gibt Tumorarten, wie zum Beispiel beim Schilddrüsenkrebs, die wir sehr gut behandeln und sogar heilen können“, antwortet er, „sehr oft setzen wir uns allerdings das Ziel, den Patienten mit unserer Forschung in das Stadium einer chronischen Erkrankung versetzen zu können. Im besten Fall verschaffen wir den Patienten mehr und qualitativ bessere Lebenszeit, bei gleichzeitiger Minimierung der Schmerzen.“
„Präzision bei gleichzeitig geringer Belastung für die Patientinnen und Patienten“
Professor Klaus Kopka, Direktor des Instituts für Radiopharmazeutische Krebsforschung
Ich verlasse das HZDR wieder. Mein vor dem Besuch verschwommenes, unklares Bild wirkt nun sortierter. Radiopharmazie ist für mich kein einzelner Durchbruch, keine individuell geniale Idee. Sie ist ein Zusammenspiel aus modernster Technik, Chemie, Biologie, Physik, mathematischer Rechenleistung – und Zeit, mal viel davon, mal wenig. Mitunter vergehen Jahre, bevor ein Mensch von dieser Forschung profitiert. Und dennoch bringt jedes radioaktiv markierte Molekül, welches die Teams um die Wissenschaftler Kopka, Pietzsch und Kreller finden und das perfekt an die Eigenschaften von Tumorzellen angepasst ist, einen Quantensprung für die Onkologie und Hoffnung für die betroffenen Menschen.
Zurück an der Uniklinik – die Räume hier sind anders als am HZDR, irgendwie klinischer, inklusive des typischen Geruchs – erlebe ich meinen Freund plötzlich wieder als Patienten. Er wirkt aufgeräumt, gut sortiert und ist gespannt auf die Behandlung, die ihm bald bevorsteht. Der Transport des radioaktiven Präparats hat wie geplant und pünktlich funktioniert. Es befindet sich bereits hinter einem abgeschirmten Bleiglasfenster. Neben mir steht Dr. Robert Freudenberg, Medizinphysiker und Strahlenschutzbeauftragter der Uniklinik Dresden, und erklärt, wie der Tracer vorbereitet wird. Alle Infusionsleitungen werden gespült, eine Pumpe wird programmiert und die Mischkassette, in der sich dann das fertige Präparat, welches injiziert werden soll, befindet, wird vorbereitet. Er zeigt mir eine abgeschirmte Anlage. „Strahlenschutz ist hier kein Zusatz“, sagt er, „sondern Teil des Designs.“
Kurz vor der Injektion erklärt man meinem Freund noch einmal den Ablauf. Er nickt. Ich stelle fest, dass er gerade weniger fragt als früher. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vertrauen. Ich fühle mit ihm und mir geht es ähnlich, aber eine Frage habe ich dann doch noch und möchte wissen, wie risikoreich Theranostik mit einem radioaktiven Präparat ist. „Wir brauchen für die Diagnose nur ganz geringe Mengen, ungefähr ein Millionstel Gramm von einer Substanz, die wir in den Körper spritzen müssen, um wirklich ein super Bild zu bekommen. Die Nebenwirkungen sind sehr gering“, beantwortet Prof. Bundschuh meine Frage und ergänzt: „Das ist anders, wenn wir in Richtung Therapie gehen. Da verabreichen wir Dosen, die durchaus auch Nebenwirkungen verursachen können.“ Auf unseren skeptischen Blick hin erweitert er seine Aussage um einen beruhigenden Zusatz: „Man kann sagen, dass die Therapie mit Radiopharmaka sehr viel besser verträglich ist als zum Beispiel eine klassische Chemotherapie. Aber es ist auch kein Traubenzucker – es ist eine potente Therapie, mit der wir verantwortungsvoll umgehen müssen.“
Die Verabreichung ist unspektakulär. Ein kurzer Piks, dann heißt es warten. Die Substanz verteilt sich, sucht ihren Weg. Ich sitze daneben und denke an das HZDR. An all die Schritte davor. An die vielen Hände und Köpfe, die bis zu diesem Punkt beteiligt waren, ohne das Ergebnis jemals zu erfahren. Einige Stunden später sitzen mein Freund und ich uns wieder gegenüber, Krankenhauscafécharme. Er sagt wenig – nur, dass es sich abgefahren anfühle, so genau hinschauen zu können auf seinen kranken Körper und dass derart präzise therapiert werde. „Hat er echt gerade abgefahren gesagt?“, überlege ich. Jemanden, der zu so einer Aussage in einer solchen Situation in der Lage ist, schreibt man besser noch nicht ab.
Austherapiert: Alle verfügbaren und medizinisch sinnvollen Therapieoptionen sind ausgeschöpft. Zusätzliche zugelassene Therapien würden keine realistische Aussicht auf Besserung bieten.
Tracer: Mit der Kombination aus Traktor, Anhänger und Ladung ist der Tracer gemeint – ein Präparat, welches dem Patienten als Gesamtes verabreicht wird und in der Radiopharmazie aus mehreren Teilen mit verschiedenen Eigenschaften besteht.
Bildgebung: Man nimmt ein Bild eines Körperteils auf, z. B. durch Röntgenstrahlen, Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) und nutzt diese Aufnahme in der Diagnostik.
Strom & Erdgas
Kundenservice
0800 6686868 (kostenfrei)
Montag - Freitag: 07:00 - 19:00 Uhr
Telefonisch bestellen
0800 5075700 (kostenfrei)
Montag - Freitag: 08:00 - 20:00 Uhr
Internet & Telefonie
0800 5075500 (kostenfrei)
Montag - Freitag: 07:00 - 19:00 Uhr
Erdgas: 0351 50178880
Strom: 0351 50178881
Internet & Telefonie: 0800 5075500
Fernwärme: 0351 50178884
Wasser : 0351 50178883