Die Chipindustrie ist weltweit ein wichtiger Wirtschaftsmotor. Warum die Wahl eines einzigartigen Produktionsstandorts auf Dresden fiel und welche Chancen sowie Herausforderungen das für die Region mit sich bringt, wissen Dr. Christian Koitzsch, Präsident der European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) und Dr. Frank Brinkmann, Vorstandsvorsitzender der SachsenEnergie AG. Ein Gespräch über Partnerschaft, Aufbruch und darüber, warum Zuhören ein wichtiger Baustein für industrielle Entwicklung sein kann.
Erinnern Sie sich beide noch an den Moment, als Sie zum ersten Mal auf der Baustelle standen? Was haben Sie gedacht?
Dr. Christian Koitzsch: Mein erster bewusster Moment auf der Baustelle war die Grundsteinlegung im August 2024. Damals stand man noch auf einem weitgehend freien Feld. Es gab viel Zeremonie drumherum, viele Kameras, viele internationale Gäste und gleichzeitig war sichtbar, dass hier noch kaum etwas gebaut war. Trotzdem hatte man sofort das Gefühl, dass das kein normales Werk wird. Durch die vielen hochkarätigen Besucherinnen und Besucher spürte man die hohe Last der Erwartungen, die weit über Dresden hinausreichen. In diesem Moment wurde mir klar, dass ESMC nicht nur ein Unternehmensprojekt ist, sondern Teil einer europäischen Erzählung über Industrie, Technologie und Zukunftsfähigkeit.
Dr. Frank Brinkmann: Bezogen auf TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company Limited – Anmerkung der Redaktion) ist mein prägender Moment tatsächlich ein anderer. Er spielte sich nicht in Dresden, sondern bereits zuvor in Taiwan ab. Wir haben uns in Deutschland ein bisschen eingemauert in Strukturen und Verfahren. Und in Taiwan wurden wir sehr respektvoll darauf hingewiesen, wie vergleichbare Fabriken weltweit entstehen und in welchen Zeitdimensionen das passiert. Uns wurde die Frage gestellt, ob wir es schaffen, Wasser, Strom und Netzinfrastruktur rechtzeitig bereitzustellen. Wir haben Ja gesagt. Dieses Ja war kein leeres Versprechen, sondern ein Anspruch an uns selbst. Seitdem begleitet uns diese Zusage jeden Tag.
Heißt das, es konnten ein paar Bürokratiehürden übersprungen werden?
Koitzsch: Die Ansiedlung wird durch den sogenannten EU Chips Act unterstützt. Das ist ein europäisches Rahmenprogramm, bei dem es ein Beschleunigungsgebot gibt. Dieses Gebot besagt, dass man im Rahmen von Ermessensentscheidungen alles beschleunigen soll, was man beschleunigen kann; das hat uns für dieses Projekt und die großen Investitionen, die sich dahinter verbergen, sehr geholfen.
Brinkmann: Das kann man ganz gut vergleichen mit den Beschleunigungsverfahren, die es bei der Deutschen Einheit gab. Das macht spürbar allen Beteiligten Spaß, den Eignern, den Investoren, den Planern, den Bauleuten. Das kann man vielleicht als Blaupause für andere Projekte nutzen.
Wie erleben Sie den Unterschied zwischen Spatenstich und heutiger Baustellenrealität?
Brinkmann: Ja Wahnsinn, der Unterschied ist enorm. Beim Spatenstich wurde ein bisschen für Presse und Medien inszeniert, heute ist das Entstehen dieses Werkes erlebbare Realität. Einer meiner Söhne studiert Elektrotechnik. Wir beide sind technikaffin und teilen ein privates Interesse an solch beeindruckenden Projekten und schauen zum Beispiel von der Autobahn im Vorbeifahren mit großem Interesse auf das Werk, welches hier entsteht.
Herr Koitzsch, Sie sind fast jeden Tag hier, wie erleben Sie den Unterschied?
Koitzsch: Wir bewegen uns auf einer aktiven Großbaustelle, auf der zeitweise über tausend Menschen arbeiten, in Hochphasen deutlich mehr. Das fühlt sich weniger nach Event an und eher wie das Entstehen einer kleinen Stadt. Man spricht nicht mehr über Pläne, sondern über Baugruben, Beton, Beschichtungen und Wetter. Wenn es, wie heute, regnet, ist es dreckig – und das gehört dazu. Dann merkt man, dass so eine Fabrik nicht von einzelnen Leuchtturmterminen lebt, sondern vom kontinuierlichen Fortschritt.
„Dresden hat mit einer hohen Fachkompetenz in den Behörden einen Standortvorteil“
Dr. Christian Koitzsch, Präsident der European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC)
Welche Ziele werden mit der ESMC-Ansiedlung verfolgt?
Koitzsch: ESMC ist eine sogenannte First-of-a-kind-Anlage, sozusagen ein Prototyp für Europa. Das bedeutet, wir etablieren hier erstmals Fähigkeiten, die es so in Europa noch nicht gibt, beispielsweise die 12-Nanometer-FinFET-Technologie in der Auftragsfertigung. Das klingt sehr technisch, hat aber ganz konkrete Auswirkungen. Diese Technologie ermöglicht leistungsfähigere und gleichzeitig energieeffizientere Chips. Sie sind die Grundlage für moderne Fahrerassistenzsysteme, Sensorik, industrielle Steuerungen und vieles mehr. Für den Mutterkonzern TSMC ist es das 24. Werk, welches errichtet wird. Wir haben also ein gutes Netzwerk und Know-how, auf das wir für das Werk in Dresden zurückgreifen können.
Darüber hinaus geht es bei der Ansiedlung um Resilienz. Halbleiter sind heute ein zentraler Produktionsfaktor in nahezu allen Branchen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verletzlich globale Lieferketten sein können. Mit ESMC entsteht in Dresden ein Baustein, der Europa unabhängiger und zugleich handlungsfähiger macht.
SachsenEnergie begleitet das Wachstum Dresdens und das der angrenzenden Regionen. Herr Dr. Brinkmann, können Sie eine Einordnung geben, wie Sie die ESMC-Ansiedlung begleiten?
Brinkmann: Der Dresdner Norden ist seit vielen Jahren geprägt durch die Mikroelektronik. Mit den Erweiterungen bei Infineon, GlobalFoundries, Bosch – und nun ESMC – erreichen wir jedoch eine neue Dimension.
Wir sprechen in der Infrastrukturplanung von sprungfixen Strukturen. Das bedeutet: Man kann noch ein Werk integrieren, vielleicht auch ein zweites. Ab einem bestimmten Punkt reichen die bestehenden Netze aber schlicht nicht mehr aus. Das betrifft vor allem Wasser und Strom. Glasfaser und Gas sind ebenfalls Teil unserer Versorgung, waren bislang aber nicht in gleichem Maße herausfordernd. Wir sehen uns als Motor und als Ermöglicher für die Region. Deshalb haben wir entschieden, für alle Halbleiterunternehmen komplett neue Strukturen aufzubauen – ein eigenes Wasserwerk, zusätzliche Leitungen, neue Umspannwerke. Ziel ist es, nicht nur den aktuellen Bedarf zu decken, sondern ein neues Versorgungsniveau zu etablieren. Das würde es auch weiteren Unternehmen ermöglichen, sich hier anzusiedeln.
Können Sie zum Beispiel für das Wasser einen Vergleichswert geben, wie viel benötigt wird?
Brinkmann: Ja, gern. Nicht ESMC allein, aber alle Chiphersteller zusammen benötigen in etwa so viel Wasser wie die gesamte Stadt Dresden. Mit einem wichtigen Unterschied: Es fließt sehr viel Wasser in den Dresdner Norden und durch die Fabriken, aber etwa 85 bis 90 Prozent davon werden der Elbe gereinigt und sauber wieder zugeführt. Es wird nur ein sehr geringer Teil tatsächlich verbraucht.
Danke für die Einordnung. Können Sie darüber hinaus einschätzen, welche Chancen sich durch die ESMC-Ansiedlung für Europa ergeben?
Koitzsch: Die technologische Sicht auf die First-of-a-kind-Anlage und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, hatte ich ja bereits beschrieben. Der Zusammenschluss aus TSMC, Infineon, Bosch und NXP bringt für Europa Champions ihrer Domäne zusammen. Das ist eine sehr spannende und vielversprechende Kombination, zum Beispiel für die europäische Automobilindustrie, der es ja gerade nicht so gut geht. Europa möchte außerdem nicht nur Absatzmarkt für Hochtechnologie sein, sondern wieder stärker selbst Wertschöpfung betreiben.
ESMC ist dafür ein wichtiger Baustein. Um eine solche Fabrik herum entsteht ein Ökosystem aus Zulieferern, Dienstleistern, Forschungseinrichtungen und Ausbildungswegen. Das stärkt nicht nur die Halbleiterindustrie, sondern auch angrenzende Branchen.
Brinkmann: Wir merken bereits, dass Dresden überregional wahrgenommen wird. Andere Städte und Regionen fragen gezielt nach unseren Erfahrungen. Wir haben Anfragen aus den Niederlanden und Frankreich, weil die wissen möchten, wie wir die Wasserversorgung organisieren oder welche Qualitätsanforderungen entscheidend sind. Diese Lokalkompetenz entsteht aus konkreter Zusammenarbeit und kann als Blaupause für andere Standorte in ganz Europa dienen.
Warum fiel die Standortwahl letztlich auf Deutschland und Dresden?
Koitzsch: Wir haben uns einige Standorte angeschaut. Dresden bringt mehrere Dinge zusammen: Die TU Dresden als Exzellenzuni mit ihren Studierenden der Ingenieursstudiengänge, ein gewachsenes Mikroelektronikökosystem, eine enge Verzahnung von Industrie und Forschung, qualifizierte Fachkräfte und nicht zuletzt Erfahrung auf Behördenseite. Genehmigungsverfahren für eine Halbleiterfabrik sind hochkomplex. Allein der erste Antrag nach Bundesimmissionsschutzgesetz umfasste viertausend Seiten. Wenn die handelnden Personen verstehen, worum es geht, spart das enorm viel Zeit und schafft Vertrauen.
Herr Brinkmann hat zum Thema Infrastruktur ja bereits gesagt, was alles noch nicht vorhanden war oder ist. Aber es gibt einen großen Willen, die Infrastruktur an unsere Zeitplanung anzupassen. Auch das hat uns überzeugt, dass dieser Standort der richtige ist.
„Wir wollen nicht nur Versorger, sondern zuverlässiger Partner sein“
Dr. Frank Brinkmann, Vorstandsvorsitzender der SachsenEnergie AG
Vor welche besonderen Herausforderungen wird SachsenEnergie durch ein solches Großprojekt gestellt?
Brinkmann: Die größte Herausforderung ist der zeitliche Vorgriff. Infrastruktur muss stehen, bevor sie gebraucht wird. Wir investieren heute in Anlagen und Netze, die erst in einigen Jahren vollständig ausgelastet sein werden. Das muss man intern erklären und vertreten können, im Aufsichtsrat ebenso wie gegenüber der Öffentlichkeit. Gleichzeitig entsteht daraus ein großer Vorteil. Wenn die Strukturen einmal da sind, gibt es Spielraum und der Standort kann weiter wachsen. Planungsrecht und Genehmigungen sind darüber hinaus nicht zu unterschätzende Hürden für den Erfolg eines Projektes dieser Größenordnung.
Welche Faktoren sind für den Betrieb einer solchen Fab entscheidend?
Koitzsch: Der Betrieb einer Chipfabrik ist extrem sensibel. Wir arbeiten in Reinräumen, die temperatur- und feuchtestabilisiert sind. Partikel dürfen dort keine Rolle spielen. Ein einzelner Wafer durchläuft über Wochen hinweg mehrere hundert Prozessschritte. Jeder einzelne Schritt hat das Potenzial, ihn unbrauchbar zu machen. Deshalb sind unterbrechungsfreie Stromversorgung, konstante Wasserqualität und Wiederholgenauigkeit essenziell. Der Weg in den Dauerbetrieb ist außerdem mehrstufig. Aktuell befinden wir uns in der Bauphase, es wird noch nicht produziert. Mit dem Einbringen von Hunderten von Anlagen, dem Start der Produktion und dem Qualifizieren der Technologien mit unseren Kunden ist erst der „Ramp up“ möglich, von dem wir sprechen, wenn die Produktion in einen stabilen Regelbetrieb übergeht.
Und bezogen auf Talente und Arbeitskräfte?
Koitzsch: Wir schaffen hier bis zu 2.000 Arbeitsplätze. Wir haben deshalb sehr früh mit dualer Ausbildung begonnen, obwohl die Fabrik noch nicht in Betrieb ist. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbringen bis zu zwölf Monate in unserer Mutterfabrik in Taiwan, um dort Prozesse und Abläufe kennenzulernen. Diese Lernkurve ist anspruchsvoll, aber entscheidend für den Erfolg ab Tag eins.
Brinkmann: Herr Koitzsch, bezogen auf diese ca. 2.000 Personen, die Sie benötigen – Was sind denn die Hauptqualifikationen, die sie suchen?
Koitzsch (lächelt): Herr Brinkmann, ihr Sohn zum Beispiel hat mit seinem Studium der Elektrotechnik nicht den schlechtesten Bildungshintergrund, um hier anfangen zu können. Aber im Ernst: Bei so einer großen Fabrik ist das sehr heterogen. Dabei geht es nicht nur um Akademiker. Ein großer Teil entfällt auf technisch ausgebildete Fachkräfte – Mechatroniker, Elektroniker, die Anlagen warten, reparieren und im 24/7-Schichtbetrieb arbeiten, rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Wenn ich bei allen Spezialitäten der Branche einen Erfahrungswert einbringen darf: Wer einmal in der Mikroelektronik angefangen hat zu arbeiten, bleibt auch dabei.
Was lernen Sie aus der Zusammenarbeit mit globalen Industrien für zukünftige Ansiedlungen, aber auch für das eigene kommunale Unternehmen?
Brinkmann: Ich sage intern oft, dass wir nicht Versorger, sondern Partner sein wollen. Das bedeutet, Produktionsprozesse zu verstehen und Bedarfe wirklich nachzuvollziehen. Es hilft, bei den Gesprächen mit potenziellen Partnern unvoreingenommen und genau zuzuhören. Viele Dinge, die man selbst für wichtig hält, sind es in der Praxis gar nicht. Andere, die man komplett übersieht, hält der Partner für entscheidend und die sind es dann auch. Ein weiterer Lernpunkt ist das Thema Mentalität. In Deutschland fragen wir bei Innovationen oft zuerst nach Risiken. In anderen Ländern stehen Chancen im Vordergrund. Es ist dieselbe Realität, nur aus einem anderen Blickwinkel. Diese Perspektive hilft auch uns als kommunalem Unternehmen.
Was ist Ihre Vision für den Standort Dresden mit Blick auf das Jahr 2035?
Koitzsch: Ich sehe Dresden als international vernetzten Technologiestandort, der deutsche Gründlichkeit mit globaler Arbeitskultur verbinden kann. In diesem Umfeld wollen wir ein guter Nachbar sein. Wir investieren hier über 10 Milliarden Euro, was bedeutet, diese Fabrik wird sehr lange Zeit hier stehen. Und wenn sie hier eine ökologische sowie technologische Benchmark setzt und zuverlässig läuft, Menschen langfristig gern hier arbeiten und das Werk als Teil der Region wahrgenommen wird und nicht als Fremdkörper, verstehe ich das als einen Erfolg.
Brinkmann: Ich würde mir wünschen, dass sich neben der Auftragsfertigung auch Chipentwicklung am Standort ansiedelt. Das haben wir meines Wissens noch gar nicht in Deutschland. Für mich bedeutet der Blick in das Jahr 2035, dass wir heute die Grundlagen für ein resilient aufgebautes Industriecluster gelegt haben. Wenn in knapp 10 Jahren weitere Ansiedlungen möglich sind, ohne dass wir jedes Mal bei null anfangen müssen, haben wir vieles richtig gemacht.
Auch bei diesen Geschichten aus der Region kommen Sachsen und Energie zusammen.
In jedem Samsung-OLED-Bildschirm steckt ein Stück von unserem Partner Novaled aus Dresden.
Im Doppelinterview: Michael Herfort, Bürgermeister von Wilthen, und Dr. Frank Brinkmann, Vorstandsvorsitzender von SachsenEnergie.
Dresdens Chipindustrie dürstet nach Prozesswasser. Die Elbe hat genug davon – und bekommt es am Ende wieder. Eine Reise an erstaunliche Orte, dem Wasser hinterher.
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