René Schuster ist Energy Market und Trading Expert im Sales Trading der SachsenEnergie AG.
Worauf reagiert der Erdgas- und der Strommarkt? Warum sind die Strompreise so volatil? René Schuster, Energy Market und Trading Expert im Sales Trading der SachsenEnergie AG, erläutert Einflussfaktoren und zeigt auf, wie sich die Märkte für Strom und Erdgas in den letzten Jahren verändert haben.
Herr Schuster, Europa bezieht heute nur wenig Erdgas aus Russland, die Mehrheit der EU-Nationen möchte die russischen Erdgasimporte spätestens Ende 2027 beenden. Konnten wir uns erfolgreich aus der Abhängigkeit lösen?
Schuster: Aus der Abhängigkeit von Russland konnten wir uns weitgehend befreien. Europas Erdgas kommt nun überwiegend aus anderen Nationen; Hauptlieferant ist Norwegen mit etwa 89 Mrd. m³ im Jahr 2025. An zweiter Stelle und mit 81 Mrd. m³ schon dicht dahinter sind die LNG-Importe aus USA, das sind etwa 57 % des in die EU gelieferten LNGs. Das wiederum heißt aber, dass wir einen neuen, großen, nichteuropäischen Erdgas-Lieferanten haben – und einen sehr unberechenbaren, wie uns zum Beispiel die Gespräche zu Grönland im Januar gezeigt haben. Es kann sein, dass uns auch diese Lieferbeziehung irgendwann vor Probleme stellt. Nicht umsonst hat das IEEFA (Institute for Energy Economics & Financial Analysis) kürzlich in einem Web-Artikel vor einer neuen Abhängigkeit gewarnt.
Was bringt der verstärkte Bezug von LNG in Europa und auch in Deutschland noch an Änderungen mit sich?
Schuster: Positiv ist, dass der LNG-Markt globale Lieferbeziehungen unabhängig von Pipelines erlaubt. Das schafft Wettbewerb und das Angebot wächst. In Nordamerika zum Beispiel werden die Kapazitäten ausgebaut. Zugleich bringt die Beschaffung am LNG-Markt aber das Risiko mit sich, dass sich Geschehnisse irgendwo auf der Welt spontan im Marktpreis widerspiegeln. Beispielsweite hatten Streiks auf Bohrplattformen vor Australien bei uns den Preis kurzfristig massiv ansteigen lassen. Wir haben es also mit anderen Einflussfaktoren zu tun als früher, als der größte Teil unseres Erdgases über Pipelines kam und durch langfristige Verträge gesichert wurde.
Die Füllstände der deutschen Erdgasspeicher sind diesen Winter deutlich niedriger als in den Vorjahren. Warum ist das so? Und sehen Sie hierin ein Risiko?
Schuster: Die geringen Füllstände sind darin begründet, dass für diesen Winter neue, niedrigere Füllstandvorgaben galten. So wollte die Regierung vermeiden, dass die Erdgaspreise aufgrund von Marktspekulationen im Sommer in die Höhe gehen. Marktseitig gab es jedoch keine Anreize, Erdgas einzuspeichern, das Gas war im Sommer dennoch zu teuer, sodass die Füllstände zum 1. November auf einem historischen Minimum lagen. Dies und ein kalter Start in den Winter sorgten dafür, dass die Füllstände in Deutschland bereits am 21. Januar unter die 40-Prozent-Marke gefallen sind. Das Gas wird aber sicherlich über den Winter reichen, zumal wir ja weiterhin Erdgas kaufen können. Je nachdem, wie kalt es bis zum Frühling wird, werden wir vermutlich mit einem Füllstand der Speicher von zehn bis gut 20 Prozent aus der Heizperiode kommen.
Brauchen wir neue Anreize, die Gasspeicher zu füllen?
Schuster: Es könnte sinnvoll sein, seitens der Politik Anreize zu schaffen. Denn heute möchte niemand Gasspeicher füllen, wenn die Erlöse im Winter geringer sind als die Erdgaspreise im Sommer. Ähnlich sieht dies INES (Initiative Energien Speichern e.V.). In ihrer Pressemeldung vom 20. Januar heißt es: ‚In einem integrierten EU-Binnenmarkt ist ein rein wettbewerblicher Ansatz für Gasspeicher in Deutschland nur bedingt tragfähig, wenn Nachbarländer ihre Speicherbewirtschaftung regulativ absichern.‘
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