Ann‑Kristin Pohlenz ist seit 2020 Abteilungsleiterin Vertrieb Geschäftskunden bei der SachsenEnergie
Dr. Tim Kühne ist Gruppenleiter im strategischen Handel bei der SachsenEnergie.
Die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran hat den Gaspreis schnell steigen lassen. Ende März wurde Erdgas am Day-Ahead-Markt mit etwa 56 Euro/MWh gehandelt – deutlich teurer als in den ersten beiden Monaten des Jahres. Prognosen zu künftigen Gaspreisen sind extrem schwierig. Warum der Einfluss des Iran-Kriegs besonders schlecht einzuschätzen ist, erläutern unsere Leiterin Geschäftskundenvertrieb Ann-Kristin Pohlenz und unser Gasmarkt-Experte Tim Kühne. Beide raten Geschäftskunden, trotz der heißen Lage am Golf einen kühlen Kopf zu bewahren.
Herr Kühne, die Gaspreise am Spotmarkt sind nach Ausbruch des Iran-Kriegs in die Höhe geschnellt, denn über die Straße von Hormus fließen auch große Mengen LNG. Auch nach Ausruf der zweiwöchigen Waffenruhe war die Schifffahrt an der Meerenge blockiert und die Lage am Gasmarkt unsicher. Inwieweit waren oder sind die europäischen Erdgasbezüge von diesem Engpass betroffen?
Kühne: Europas wichtigster Lieferant in der Golfregion, Katar, liefert nur etwa vier Prozent des in der EU benötigten Erdgases. Das waren 2025 allerdings etwa 125 Terawattstunden, die in diesem Jahr eingespart oder über den Weltmarkt beschafft werden müssen.
Dann liegt für uns also keine drastische Verknappung vor. Warum stiegen die Preise dennoch so stark?
Kühne: Wenn Gas fehlt, muss es – wenn es nicht eingespart werden kann – aus anderen Quellen ersetzt werden. Und dort, für uns relevant am LNG-Markt, ist der Anteil der weggefallenen Mengen deutlich höher, was entsprechend höhere Preise provoziert.
Helfen die während des Ukraine-Kriegs erworbenen Marktkenntnisse bei der Einschätzung der aktuellen Situation weiter?
Kühne: Nein, kaum. Damals hatten wir tatsächlich eine drastische physische Verknappung. Heute haben wir ausreichend Importkapazitäten in Form von LNG-Terminals, aber ungünstige Bedingungen auf dem Weltmarkt.
Lässt sich ungefähr absehen, wie sich die Erdgaspreise in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln?
Kühne: Eine solche Prognose ist quasi unmöglich, weil die Situation vollkommen neu ist. Beim Angriff der Ukraine wussten wir auch nicht genau, was passiert, aber der Erdgas-Lieferengpass war früh absehbar und die Kriegshandlung auf ein gewisses Gebiet begrenzt. Beim Iran-Krieg ist das anders. Wir beobachten die Lage in der Golfregion natürlich schon lange und sehr genau. Aber die Situation ist unglaublich schnell und heftig eskaliert. Und es besteht noch weiteres Eskalationspotential. Momentan [Anm. der Red.: Mitte April] haben sich einige der in der Region Beteiligten noch zurückgehalten. Aber es steht auf Messers Schneide. Die Krise kann innerhalb weniger Tage an Schärfe verlieren. Aber es kann ebenso unfassbar eskalieren, wenn die Waffenruhe nicht für konstruktive Friedensverhandlungen genutzt wird.
SachsenEnergie hat sich stets als guter Partner der Gewerbe- und Industriekunden erwiesen und ist auch jetzt ein verlässlicher Erdgaslieferant. Was aber bedeutet die Preissituation für die Geschäftskunden-Gaspreise, Frau Pohlenz?
Pohlenz: Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass die aktuell hohen Preise am Spotmarkt nicht automatisch und sofort bei unseren Geschäftskunden ankommen. Die meisten Kunden – sofern sie keinen Spotvertrag haben – haben ihre Erdgasverträge für das laufende Jahr bereits deutlich früher abgeschlossen. Entsprechend sehen sie heute nicht das aktuelle Marktniveau auf ihrer Rechnung, sondern den zuvor abgesicherten Vertragspreis.
Vor allem kleinere Geschäftskunden schließen in der Regel individuell kalkulierte Mehrjahresverträge ab, überwiegend als Festpreisverträge mit einem definierten Einkaufszeitpunkt. Da diese Kunden den Energiemarkt naturgemäß nicht täglich verfolgen, verstehen wir es als Teil unserer Kundenbetreuung, Marktentwicklungen einzuordnen und gemeinsam einen geeigneten Zeitpunkt für den Vertragsabschluss zu finden. Das sorgt für Planungssicherheit – gerade in volatilen Marktphasen wie aktuell.
…und die größeren Kunden, zum Beispiel Industriebetriebe?
Pohlenz: Industriekunden arbeiten häufig mit Rahmen- beziehungsweise Tranchenverträgen. Diese ermöglichen es, den Gesamtbedarf über mehrere Zeitpunkte hinweg schrittweise abzusichern, statt alles zu einem einzigen Termin einzukaufen. Auf diese Weise können Unternehmen Marktentwicklungen berücksichtigen und Risiken streuen.
Die konkrete Beschaffungsstrategie ist dabei sehr individuell: Die Kunden entscheiden selbst, welche Mengen sie zu welchem Zeitpunkt und zu welchen Preisen absichern möchten. Unsere Rolle besteht darin, diese Entscheidungen fachlich zu begleiten – wir unterstützen mit Einschätzungen zu Marktbewegungen, Hintergründen und möglichen Szenarien. Neben zwei spezialisierten Marktexperten ist hierfür insbesondere der jeweilige persönliche Key Account Manager ein zentraler Ansprechpartner für die Kunden.
Was raten Sie Großkunden und zeigen diese auch jetzt Interesse an neuen Rahmenverträgen?
Pohlenz: Ja, wir sehen auch aktuell Interesse an neuen Rahmenverträgen. Viele Großkunden beschäftigen sich sehr aktiv mit ihrer Beschaffungsstrategie und nehmen weiterhin Teilabsicherungen vor, insbesondere für weiter in der Zukunft liegende Lieferjahre. Kurzfristige Bedarfe werden dagegen häufig sehr bewusst und vorsichtig gesteuert.
Aus unserer Sicht ist es aktuell vor allem wichtig, strukturell gut aufgestellt zu sein: also passende Vertragsmodelle zu haben, Entscheidungswege klar zu definieren und die eigene Beschaffungsstrategie regelmäßig zu überprüfen. So bleiben Unternehmen handlungsfähig, ohne sich durch einzelne Marktbewegungen zu vorschnellen Entscheidungen treiben zu lassen.
Kühne: Da kann ich nur zustimmen, Ann-Kristin. Man darf, wie du gesagt hast, nicht hektisch werden. Denn obwohl eine einzelne Nachricht den Markt stark beeinflusst, ist das eine extrem komplexe Situation, die verlangt, dass ich das ganze Umfeld betrachte, auch das geopolitische Kräftemessen. In so einer Situation muss man erst recht einen kühlen Kopf bewahren und sollte in Szenarien genau evaluieren, welche Folgen eine bestimmte Entscheidung hätte.
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