Ein neuer Rekord: Im ersten Halbjahr 2025 war der Strompreis am Day-Ahead-Markt an 389 Stunden negativ. Dazu kamen Hunderte von Stunden, in denen der Preis maximal 0,5 ct/kWh betrug. Ein Grund ist der hohe Anteil der erneuerbaren Energien an der öffentlichen Nettostromerzeugung in Deutschland. Er lag in den Monaten Januar bis Juni 2025 laut Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE bei 60,9 Prozent.
Hoher Anteil an Wind- und PV-Strom im Strom-Mix
Windenergie war hierzulande wieder einmal die größte Stromquelle mit 60,3 Terawattstunden (TWh), etwas weniger als die 73,4 TWh im ersten Halbjahr 2024. Damit lag der Anteil des Windstroms an der öffentlichen Nettostromerzeugung dieses Jahr bei 31,6 Prozent. „Das sind rund sechs Prozentpunkte weniger als 2024, einfach weil es weniger Wind gab als letztes Jahr“, kommentiert Prof. Bruno Burger, leitender Wissenschaftler bei den Energy-Charts am Fraunhofer ISE. Auf Platz zwei lag die Stromeinspeisung aus PV-Anlagen mit 40,0 TWh, das waren ca. 30 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.
Im Strommarkt ist Flexibilität gefragt
Negative Strompreise können sowohl am Day-Ahead- als auch am Intraday-Markt entstehen, wenn die Stromerzeugung den Stromverbrauch überschreitet und dieser Überschuss nicht genutzt bzw. gespeichert oder exportiert werden kann. Ursache sind nicht nur die erneuerbaren Energien, sondern unter anderem auch Kohlekraftwerke. Es ist nicht wirtschaftlich, sie häufig ab- und anschalten, und sie hochzufahren kostet Zeit. Zudem müssen Kraftwerkskapazitäten, die am Markt für Regelenergie (zur Netzstabilisierung) angeboten wurden, auch bei negativen Börsenstrompreisen vorgehalten werden. Daher laufen viele konventionelle Kraftwerke weiter.
Um Stromüberschüsse zu vermeiden, also Erzeugung und Verbrauch ins Gleichgewicht zu bringen, ist Flexibilität im Markt nötig. Diese Flexibilität bieten Stromspeicher oder auch die Sektorenkopplung, also wenn mit dem Strom zum Beispiel Wärme oder Wasserstoff erzeugt wird.
Schnäppchen-Chance für flexible Verbraucher
Für Industrie- und Gewerbekunden, die direkt oder indirekt Zugang zur Strombörse haben, bietet der Flexibilitätsbedarf große Chancen. Betriebe können auf verschiedene Arten von günstigen oder negativen Strompreisen profitieren:
- Nutzung von Stromspeichern, um diese günstig zu befüllen und den Strom zeitversetzt im Betrieb zu nutzen
- Vermarkten der Stromspeicher-Kapazität wie bei einem Energiehändler (An- und Verkauf an der Börse)
- Nutzung von Strom bei negativen Preisen für die Wärmeerzeugung / Substitution von fossilen Energieträgern durch Strom
- (teilweises) Verschieben des Stromverbrauchs in Zeiten günstiger / negativer Strompreise, z.B. das Laden von thermischen Speichern (z.B. Kälteanlage) oder von E-Fahrzeugen
Neben den negativen Preisen, welche die Nulllinie meistens nur wenig unterschreiten, verdienen auch die Zeitfenster mit niedrigen Preisen Beachtung. Das sind oft die Mittagsstunden an sehr sonnenreichen Tagen, wie die Daten der Kalenderwoche 27 (siehe Chart) exemplarisch zeigen.
Börsenhandel über Dienstleister möglich
Damit auch Betriebe, die keinen direkten Börsenzugang haben, Flexibilität vermarkten können, gibt es Dienstleister wie SachsenEnergie. Diese führen die Handelsaktivitäten an der Börse aus. Die Dienstleister handeln entweder ausreichend große Energiemengen direkt oder sie sammeln Angebote mehrerer Auftraggeber (Aggregation), um sie zu handelsfähigen Volumina zu bündeln und an der Börse zu vermarkten.
So sehr negative Strompreise flexible Verbraucher begünstigen, so können sie gleichzeitig auch Herausforderungen für Einspeiser erneuerbarer Energien mit sich bringen. Bei starkem Überangebot und fehlender Netzflexibilität kommt es nicht nur zu Abregelungen von Wind- und PV-Anlagen – also zur erzwungenen Reduktion der Einspeisung –, sondern in manchen Fällen sogar zu finanziellen Belastungen: Statt einer Vergütung für eingespeisten Strom können Forderungen entstehen, wenn die Marktwerte stark ins Negative fallen. Im nächsten Newsletter beleuchten wir, wie sich diese Risiken reduzieren lassen und welche Strategien helfen können, trotz volatiler Marktbedingungen wirtschaftlich zu bleiben.
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